Mir fiel in den vergangenen Tagen auf, wie sehr Langeweile und Kompensation miteinander verbunden sind. ICH fiel mir auf, hervorgerufen durch etwas emotionalen Stress und viel Arbeit, aber vor allem durch meine eigenen Ansprüche. Langeweile ist per definition Leere, Inhaltslosigkeit, Nichtstun, Demotivation, Monotonie, Haltlosigkeit. Stunden ohne Bedeutung und Wert, sagte mein Kopf, aber mein Herz mahnte: Was, wenn es genau das ist, was wir brauchen? Was, wenn genau diese Stunden den meisten Wert und die tiefste Bedeutung haben?
In unserer heutigen Leistungsgesellschaft liegt es nahe, Liebe im Sinne des Gewolltseins, des Ansehens und des Eigenwerts mit Leistung, Präsenz und Beliebtheit zu verbinden. Wir wollen alles richtig machen, Vieles besser machen als andere Menschen und dafür geschätzt werden. Wir haben dieses tiefe Bedürfnis nach Bedeutung, Erfüllung und nach Wert. Fülle als Gegenteil von Leere, die es gilt zu vermeiden. Wir sind unentwegt beschäftigt.
Meditation, Achtsamkeit und Yoga oder Tai Chi hingegen waren nie so hoch im Kurs wie heute. Sie sollen uns lehren, wie wir uns auf uns konzentrieren, uns aus der chronischen Beschäftigung herausziehen und stattdessen zurück in unsere Körper gehen – ohne zu kompensieren. Sie sollen uns beibringen, wie wir diese gezielt anvisieren, innerer Leere Bedeutung verleihen können, um sich selbst nicht länger aus dem Weg zu gehen, um Leere, Alleinsein, Bedeutungslosigkeit spüren zu lernen. Denn Tun, Leisten, Handeln, Aktivität, Schaffen wird heute mit Fülle, Wert, Erfolg, Respekt, Integration und Beliebtheit gleichgesetzt. Ich startete also meine Langeweile-Challenge, weil ich das Gefühl bekam, dass das Gegenteil psychisch und physisch gesünder ist.
Mir fiel in den vergangenen Wochen auf, dass ich mich häufig in Arbeit stürze. Meine liebste Ablenkung ist Arbeit bzw. etwas leisten. Ich kann es, ich bin gut darin, ich erzeuge Ergebnisse, die einen gewissen Wert haben und projiziere diesen Wert dann wiederum auf mich und meine Person. Wenn ich beispielsweise die Nähe einer Situation, mit der ich mich auseinandersetzen müsste, vermeiden will, dann beginne ich mit Kompensation. Wenn ich Distanz als Abgeschnittensein von etwas oder jemandem vermeiden will, dann beginne ich mit Kompensation. Mir fiel sogar auf, dass ich mittlerweile kompensiere, dass ich kompensiere. Wenn ich gestresst bin, rauche ich mehr. Wenn ich mehr rauche, esse ich „falscher“. Wenn ich mal Alkohol trinke, rauche ich mehr. Wenn ich mehr arbeite, trinke ich mehr Kaffee. Wenn ich viel Kaffee trinke, arbeite ich mehr. Teufelskreis. Dauerstressschleife. Geht gar nicht. Zumal ich starke Magen-Darm-Beschwerden bekomme, wenn ich vermeide, flüchte oder kompensiere. So steigt auch mein Stressniveau und damit respektive meine Angst.
Kompensation
10 Wege, um zu vermeiden
Als ich Verena Kasts Buch „Vom Sinn der Angst“ zum ersten Mal las, stolperte ich über eine Stelle, an der sie schrieb: Menschen würden nicht nur ihre Eltern oder engsten Bezugspersonen internalisieren, sondern diese inneren Begleiter könnten auch im späteren Leben der Job oder Geld sein, insofern zum Beispiel Anerkennung und Erfolg (als Metapher für Liebe und Wert) damit erreicht werden soll (natürlich, um Angst vor Trennung/Ausschluss zu vermeiden). Dies würde eher auf diejenigen zutreffen, die wenig Bezug zu den Eltern gehabt hätten oder wenig von ihren Bezugspersonen erhielten, sei es Zeit oder Liebe. Vor meinem eigenen Arbeitswut-Hintergrund sah ich mir deshalb an, wie ich Nähe zu mir bei belastenden Situationen vermeide. Der Job/Beruf respektive Erfolg und resultierende Anerkennung stehen damit an erster Stelle der Kompensations-Liste. Aber auch die Klassiker sind weitgehend bekannt und mehr oder minder in unser aller Leben präsent.
Die prominentesten Wege der Kompensation sind:
- Job/Arbeit (auch Wissen, Bildung), Leistung
- Koffein, Essen, vorrangig Zucker und andere leere Kohlenhydrate, Alkohol, Tabak
- Sport
- Sex
- Fernsehen
- Soziale Medien, Selfies und vermeintlich sinnvolle Posts (auch Facebook-Spiele)
- Smartphones/Technik (auch Spiele-Apps)
- der Partner/die Partnerin
- Freunde
- Shoppen/Geld
Angst und Alleinsein: Die Langeweile-Challenge
Wer meinen Blog häufiger liest, wird zwei Sachen wissen: Erstens, dass ich in meiner Kindheit oft allein war und zweitens, dass das in meinen Augen heute ein Geschenk ist, es aber in meinen Kindertagen eine Bürde war – eine beinahe unerträgliche Last, denn mir fehlte Liebe, Zuwendung und vor allem: Beschäftigung. Das steckt mir noch immer in den Knochen, weshalb ich wohl dafür prädestiniert bin, mich abzulenken und meine freie Zeit zu füllen. Auch Angst in Verbindung mit Alleinsein (Alleingelassenwerden, Einsamkeit, Gründesuchen) steht in direkter Verbindung mit der Unfähigkeit, sich zu beschäftigen, so Kast. So sehr ich Frau Kasts Arbeit auch schätze, ich fühle mich bei dem Zusammenhang unwohl und meine, dass wir als Kinder hätten eher lernen müssen, allein zu sein und wie wir allein sind, anstatt uns immer zu beschäftigen, um die Interpretationen auszuschalten. Ich wollte unbedingt NICHTS tun, ich wollte unbedingt die Langeweile sehen, ertragen und fühlen, Kompensation lassen, in der Hoffnung, dass ich da in der Leere zum Beispiel Erkenntnis, Klarheit oder Verständnis finde.
Damit zusammenhängend erinnerte ich mich an eine etwas eigenwillige, aber funktionierende Strategie, von der mir Mischa erzählt hatte: sich ans Fenster setzen und zwei Stunden lang hinaussehen. Also beschloss ich, dass ich a) weniger arbeite, b) weniger „tue“ und c) mehr Nichts tue, um Leerzeiten als Pausen zu nutzen, um mir den Leistungsdruck zu nehmen und wieder mehr Erfüllung bei dem zu finden, was ich gern tue. Ich erhoffte mir auch neue Freizeitaktivitäten, etwas ganz Verrücktes, wie zum Beispiel auf der Couch sitzen und die Knubbel in der Rauhfasertapete zählen oder Wie man leise die Treppen herunterspringt oder dem Mond hinterherläuft. Eben die kleinen Dinge des Lebens wiederzufinden und lieben zu lernen. Und das alles, in dem ich gezielt die Kompensationstaten erkenne, unterbreche/lasse/meide und stattdessen fühle, wenn mir langweilig ist und erlaube, dass sich das durchaus leer und schlecht anfühlen könnte.
Das Ergebnis
Gegenteiliger hätte es nicht geschehen können: An Tag 1 und Tag 2 trank ich vier Kaffee statt den gewohnten zwei, ich telefonierte länger als sonst, ich aß schlechter als sonst (und weitaus mehr!), der Fernseher lief beinahe ununterbrochen (obwohl ich so gut wie nie fernsehe), ich verspürte null Interesse, raus zu gehen und in der Natur zu sein (obwohl ich mittlerweile ein leidenschaftler Spaziergänger bin und mindestens alle zwei Tage für 1-2 Stunden im Wald unterwegs bin), ich schlief kürzer und schlechter (obwohl ich immer lang und gut schlafe), ich hatte Erkältungs-, Krankheitssymptome und ich war so richtig mies gelaunt.
Und dann passierte etwas Merkwürdiges:
Gestern Abend fühlte ich eine Welle von guten Kompensationswegen, die mich schwer überraschte. Ich dachte wieder daran, ins Fitnessstudio zu gehen, nicht etwa, um Sport zu machen, weil nun Weihnachten kommt oder um mich zwangsläufig beschäftigen zu müssen. Nein, ich erinnerte mich daran, wie sehr ich (früher) Kraftsport liebte und wie sehr ich einen sogenannten Bodybalance-Kurs mochte, wie gut er mir tat. Außerdem stellte ich gestern einfach so meine Perfektion und meinen Tatendrang ab. Seit dem 18. Dezember sind vier meiner Autogenen Trainings in den Onlinestores wie Amazon als mp3 erhältlich, dennoch habe ich die Website noch nicht fertiggestellt und euch nichts davon erzählt. Untypisch für mich, aber trotz meiner Euphorie und meiner Leistungsbegierde unterdrücke ich den Impuls solange, bis ich die Kraft habe, um wieder zu „arbeiten“. Ich habe nämlich Urlaub und der ist zum Ausspannen da.
Ich habe es bislang soweit geschafft, dass ich auf dem Weg zum Schreibtisch, zum Laptop, zur Arbeit (zur Kompensation von Zeiten allein oder von meiner Langeweile) an meiner Couch vorbeigehe und sie rufen höre: Komm zu mir, komm zu mir! Geh‘ nicht zum Schreibtisch, komm lieber zu mir! Ich habe rigoros alle unnützen und spammenden Facebookseiten deabonniert, ich habe nur noch zwei Nachrichtenseiten, die ich „konsumiere“, ich poste keine Bilder und andere unsinnige Kommentare mehr in meinem privaten Profil. Ich schreibe nur noch dann Blogposts und Artikel, wenn mir mein Körper sagt, dass es okay ist. Wenn mein Kopf sagt: Du musst jetzt aber!, reagiert eine Stimme in mir, die das verneint, und sagt: Sie möchte aber nicht! Ich lege mein Handy bewusst zur Seite, ganz ganz weit weg von mir, damit ich ja nicht in die Versuchung komme, es doch zur Füllung zu nutzen. Statt Süßes zu mir zu nehmen, lutsche ich zuckerfreie Bonbons. Statt Fernsehen, schaue ich meine Lieblingsserien, von denen ich weiß, dass ich sie sehen will, weil ich sie sehen will (und nicht etwa, weil mir langweilig ist). Statt Musik zu hören, um dann doch wieder nachzudenken, höre ich Musik und genieße sie, in dem ich Denken ausschalte.
Diese Langeweileübung hat mich gelehrt, mir Zeit zu nehmen und mir Zeit zu lassen, mir näher zu kommen und mir nah zu sein, ohne mich von mir und Belastungen abzulenken. Ich fühle mich mehr und nehme ganz andere Anteile von mir wahr als früher. Ich habe mich tatsächlich ein Stück weiter kennengelernt. Ich bin wirklich gespannt, was mir diese Langeweileübung noch schenken wird. Sie ist keineswegs zuende. Ich glaube, sie fängt gerade erst an.
Machst Du mit?
LG
Janett
Danke für diesen Beitrag. Ich leide seit einer Weile auch unter regelmäßigen Angstattacken…vor bestimmten sozialen Situationen, vor Ungewohntem – aber vor allem auch vor Langeweile, vor Momente in denen mir nicht mehr einfällt, was ich jetzt tun könnte, zum Beispiel an einem fremden Ort, mit Menschen nachdem man sich alles erzählt hat etc.
Auch ich war oft allein als Kind, in meinem Zimmer, stundenlang, und musste mich irgendwie selbst beschäftigen. Ich hörte die gleichen Kassetten immer und immer wieder, starrte an die Decke, aus dem Fenster und die Zeit verging scheinbar nie.
Aber dein Beitrag hat mir einen Horizont geöffnet, den ich verdrängt hatte. Dinge wieder wahrnehmen, spüren, Details sehen. Ohne Kompensation wie Lesen, Wissen, Ablenkung. In diesen Momenten rutsche ich allerdings in eine Art Trance, bin nicht mehr so ansprechbar, sehr in Gedanken, am Grübeln und habe Angst, dann nicht mehr hinaus zu kommen. Aber oft sind es Gedanken über Dinge, die ich eigentlich auch können müsste, wissen müsste, spüren müsste. Es ist der innere Druck der sich meldet, der Perfektionismus, das Idealbild, das einem irgendwann eingeimpft wurde. Was macht man dagegen?
Hallo J.,
ich kann nur sagen, wie ich es gemacht habe: Ich ließ es los, indem ich Fehler erlaubte – mir und anderen. Ich übe das noch heute, lasse absichtlich Rechtschreibfehler in meinen Blogposts, um meinen Perfektionismus in die Schranken zu weisen. Manchmal stand ich morgens auf und beschloss, dass ich an dem Tag etwas falsch würde. Das half mir, die bewusste und gezielte Umkehrung.
Viele Grüße,
Janett